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1911 (2)

Die Zufälle, die zu unserer Existenz führten, verwandelt, wie alle Zufälle, die Zeit in strenge Notwendigkeiten, aus dem Bänkelsänger, der die Weisen des Lebens frei improvisiert, wird der berechnende Marionettenkünstler, an dessen Fäden und Drehbuch wir hängen. Spieler sind sie beide. In meinem Fall trat das Pferd, auf dem mein Vater saß, in vollem Galopp in eine eiserne Fuchsfalle, die der Pedell eines nahegelegenen Klosterinternats aus Sorge um seine Hühner aufgestellt hatte. Mein Vater flog in einem Bogen, der den Halbellipsen jener Mörsergranaten glich, die er den Tag über getestet hatte, mitten in einen Rosengarten und vor die Füße eines blutjungen Mädchens, meiner Mutter, die gerade in ihrem höchst verfänglichen Tagebuch schrieb. Während das Pferd, mein Vater und meine Mutter gleichzeitig schrien, Rosenblätter aufgewirbelt, Hühner, Nonnen aufgescheucht, Fenster aufgerissen, Hälse gereckt wurden, da geschah noch etwas: auf das Tagebuch, das meiner Mutter aus der Hand gefallen und auf der breiten Uniformbrust des rücklings Gelandeten zum Liegen gekommen war, tröpfelte Blut aus seiner dornenverschrammten Stirn, just auf jene Stelle, die sie eben geschrieben hatte, genauer gesagt umrandete das feine Rinnsal den unvollendeten Satz „O, der Mann, o !, der mich einmal haben wird, der“.


Es ist klar, dass dieser Umstand auf meine Mutter, als sie ihn an jenem Abend auf ihrer Stube entdeckte – mein Vater lag, ärztlich versorgt und mit Verdacht auf Gehirnerschütterung, zwei Stockwerke unter ihr in einem Gästezimmer – eine beträchtliche Wirkung ausübte (zusätzlich zu seinen stahlblauen Augen, die sie verwirrt im Rosengarten angesehen hatten, und ihrer naiven Empfänglichkeit für alles Romantische, die in ihren Wachträumen allerdings bereits handfeste Formen annahm). Die Familienraison verlangt, dass sie, der jungfräuliche Klosterengel, von ihm, dem unbeherrschten Soldaten, verführt wurde, und sicher war mein Vater Zeit seines Lebens alles andere als eine moralische Kapazität, dennoch glaube ich, auch wenn sie darüber nie gesprochen hat, dass meine Mutter diesen gefallenen Reiter wollte, und zwar eher heute als morgen, und dass mein Vater ihrem Willen fröhlich gehorchte, wohl schon wenige Tage später, nachdem zarte, erstaunliche, geheime Billets zwischen ihnen hin und her gewandert waren, in denen er seine gemütskranke Ehefrau in der fernen Stadt vergaß, vielleicht tatsächlich vergaß, und sie sämtliche Vorsicht, die ihr seit Kindesbeinen eingeflößt worden war.

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